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LYRICS


EXPRESSIS VERBIS: BENN
"Die Krone der Schöpfung, das Schwein, der Mensch"
(music written 2000/recorded 2003-2005/last revised 2026)

german lyrics by Gottfried Benn/1886-1956
special guest appearance on soprano saxophone: Fisz Dipn


Morgue

I – Kleine Aster

Ein ersoffener Bierfahrer wurde auf den Tisch gestemmt.
Irgendeiner hatte ihm eine dunkelhellila Aster
zwischen die Zähne geklemmt.
Als ich von der Brust aus
unter der Haut mit einem langen Meßer
Zunge und Gaumen heraußchnitt,
muß ich sie angestoßen haben, denn sie glitt
in das nebenliegende Gehirn.
Ich packte sie ihm in die Brusthöhle
zwischen die Holzwolle,
als man zunähte.
Trinke dich satt in deiner Vase!
Ruhe sanft, / kleine Aster!

II – Schöne Jugend

Der Mund eines Mädchens, das lange im Schilf gelegen hatte,
sah so angeknabbert aus.
Als man die Brust aufbrach, war die Speiseröhre so löcherig.
Schließlich in einer Laube unter dem Zwerchfell
fand man ein Nest von jungen Ratten.
Ein kleines Schwesterchen lag tot.
Die anderen lebten von Leber und Niere,
tranken das kalte Blut und hatten
hier eine schöne Jugend verlebt.
Und schön und schnell kam auch ihr Tod:
Man warf sie allesamt ins Waßer.
Ach, wie die kleinen Schnauzen quietschten!

III – Kreislauf

Der einsame Backzahn einer Dirne,
die unbekannt verstorben war,
trug eine Goldplombe.
Die übrigen waren wie auf stille Verabredung
ausgegangen.
Den schlug der Leichendiener sich heraus,
versetzte ihn und ging für tanzen.
Denn, sagte er,
nur Erde solle zu Erde werden.

V – Requiem

Auf jeden Tisch zwei. Männer und Weiber
kreuzweis. Nah, nackt, und dennoch ohne Qual.
Den Schädel auf. Die Brust entzwei. Die Leiber
gebären nun ihr allerletztes Mal.
Jeder drei Näpfe voll: von Hirn bis Hoden.
Und Gottes Tempel und des Teufels Stall
nun Brust an Brust auf eines Kübels Boden
begrinsen Golgatha und Sündenfall.
Der Rest in Särge. Lauter Neugeburten:
Mannsbeine, Kinderbrust und Haar vom Weib.
Ich sah von zweien, die dereinst sich hurten,
lag es da, wie aus einem Mutterleib.

Der Arzt

I

Mir klebt die süße Leiblichkeit
Wie ein Belag am Gaumensaum.
Was je an Saft und mürbem Fleisch
Um Kalkknochen schlottere,
Dünstet mit Milch und Schweiß in meine Nase.
Ich weiß, wie Huren und Madonnen riechen
Nach einem Gang und morgen beim Erwachen
Und zu Gezeiten ihres Bluts —
Und Herren kommen in mein Sprechzimmer,
Denen ist das Geschlecht zugewachsen:
Die Frau denkt, sie wird befruchtet
Und aufgeworfen zu einem Gotteshügel;
Aber der Mann ist vernarbt;
Sein Gehirn wildert über einer Nebelsteppe,
Und lautlos fällt sein Samen ein.
Ich lebe vor dem Leib: und in der Mitte
Klebt überall die Scham. Dahin wittert
Der Schädel auch. Ich ahne: einst
Werden die Spalte und der Stoß
Zum Himmel klaffen von der Stirn.

II

Die Krone der Schöpfung, das Schwein, der Mensch — :
Geht doch mit anderen Tieren um!:
Mit siebzehn Jahren Filzläuse,
Zwischen üblen Schnauzen hin und her,
Darmkrankheiten und Alimente,
Weiber und Infusorien,
Mit vierzig fängt die Blase an zu laufen — :
Meint ihr, um solch Geknolle wuchs die Erde
Von Sonne bis zum Mond — ?
Was kläfft ihr denn?
Ihr sprecht von Seele —
Was ist eure Seele?
Verkrackt die Greisin Nacht für Nacht ihr Bett —
Schmiert sich der Greis die mürben Schenkel zu,
Und ihr reicht Fraß, es in den Darm zu lümmeln;
Meint Ihr, die Sterne samten ab vor Glück …?
Äh! Aus erkaltendem Gedärm
Spie Erde wie aus anderen Löchern Feuer,
Eine Schnauze Blut empor —: Das torkelt
Den Abwärtsbogen
Selbstgefällig in den Schatten.

III

Mit Pickeln in der Haut und faulen Zähnen
Paart das sich in ein Bett und drängt zusammen
Und säet Samen in des Fleisches Furchen
Und fühlt sich Gott bei Göttin. Und die Frucht —? —:
Das wird sehr häufig schon verquiemt geboren:
Mit Beuteln auf dem Rücken, Rachenspalten,
Schieläugig, hodenlos, in breite Brüche
Entschlüpft die Därme —; aber selbst was heil
Endlich ans Licht quillt ist nicht eben viel,
Und durch die Löcher tropft die Erde:
Spaziergang —: Föten, Gattungspack —:
Ergangen wird sich. Hingesetzt. —
Finger wird berochen.
Rosine aus dem Zahn geholt.
Die Goldfischchen — !!! —!:
Erhebung! Aufstieg! Weserlied!
Das Allgemeine wird gestreift. Gott
Als Käseglocke auf die Scham gestülpt —:
Der gute Hirte — !!. —, — Allgemeingefühl!! —
Und abends springt der Bock die Zibbe an.

Destille (I/II)

I

Schäbig; abends Destille
in Zwang, in Trieb, in Flucht
Trunk — doch was ist der Wille
gegen Verklärungßucht.
Wenn man die Seele sichtet,
Potenz und Potential,
den Blick aufs Ganze gerichtet:
katastrophal!
Natürlich sitzen in Stuben
Gelehrte zart und matt
und machen aus Tintentuben
ihre Pandekten satt,
natürlich bauten sie Dome
dreihundert Jahre ein Stück
wissend, im Zeitenstrome
bröckelt der Stein zurück,
es ist nicht zu begreifen,
was hatten sie für Substanz,
wissend, die Zeiten schleifen
Turm, Rose, Krypte, Monstranz,
vorbei, à bas und nieder
die große Konfession,
à bas ins Hühnergefieder
konformer Konvention —
abends in Destillen
verzagt, verjagt, verflucht,
so vieles muß sich stillen,
im Trunk Verklärungssucht.

II

Es gibt Melodien und Lieder,
die bestimmte Rhythmen betreun,
die schlagen dein Inneres nieder
und du bist am Boden bis neun.
Meist nachts und du bist schon lange
in vagem Säusel und nickst
zu fremder Gäste Belange,
durch die du in Leben blickst.
Und diese Leben sind trübe,
so trübe, du würdest dich freun,
wenn ewig Rhythmenschübe
und du bliebest am Boden bis neun.

Kommt –

Kommt, reden wir zusammen
wer redet, ist nicht tot,
so züngeln doch die Flammen
schon sehr um unsere Not.
Kommt, sagen wir: die Blauen,
kommt sagen wir: das Rot,
wir hören, lauschen, schauen
wer redet, ist nicht tot.
Allein in deiner Wüste,
in deinem Gobigraun —
du einsamst, keine Büste,
kein Zwiespruch, keine Fraun,
und schon so nah die Klippen,
du kennst dein schwaches Boot —
kommt, öffnet doch die Lippen,
wer redet, ist nicht tot.

Finish

I

Das Speiglas — den Ausbrüchen
So großer grüner warmer Flüße
Nicht im Entferntesten gewachsen —
Schlug endlich nieder.
Der Mund fiel hinterher.
Hing tief.
Sog Schluckweis
Erbrochenes zurück.
Enttäuschte
Jedes Vertrauen.
Gab Stein statt Brot
Dem atemlosen Blut.

II

Der kleine Klumpen roch wie ein Hühnerstall,
Schlug hin und her. Wuchs. Ward still.
Die Enkelin spielte das alte Spiel:
Wenn Großmutter schläft:
Um die Schlüsselbeine war es so eingesunken,
Daß sie Bohnen drin versteckte.
In die Kehle passte sogar ein Ball,
Wenn man den Staub rausblies.

III

Es handelte sich für ihn um einen Spucknapf mit Pflaumenkernen.
Da kroch er hin und biß die Steine auf.
Man warf ihn zurück in sein Kastenbett,
Und der Irre starb in seiner Streu.
Gegen Abend kam der Oberwärter
Und schnauzte die Wächter an:
Ihr verdammten Faultiere,
Warum ist der Kasten noch nicht aufgeräumt?

V Requiem:

Ein Sarg kriegt Arbeit und ein Bett wird leer.
Wenn man bedenkt: ein paar verlorene Stunden
Haben nun in die Stille Nacht gefunden
Und wehen mit den Wolken hin und her.
Wie weiß sie sind!
Die Lippen auch. Wie Garben
Aus Schnee. Ein Saum vom großen Winterland
Tröstenden Schnees: erlöst vom Trug der Farben,
Hügel und Tal in einer flachen Hand,
Nähe und Ferne eins und ausgeglichen.
Die Flocken wehn ins Feld, dann noch ein Stück,
Dann ist der letzte Funken Welt verblichen.
O kaum zu denken! Dieses ferne Glück!

General

Meine Herren —: Stichwort: Reginald!
Spannungsstufe III —, Sofortmaßnahmen — !
Zwanzig Uhr Verladung der beschleunigten Divisionen!
Wozu die ganze Chose in Bewegung geht —
keine Fragestellung! Geschieht!
Spähtrupps —, mechanisierte Abteilungen,
mot.-, t-mot.-, Raubenschlepper
durch die blaue Zone,
wo die Maschinen schweigen müßen,
die letzten zweihundert Meter
für die Infanterie!
Vernichtung! Ein Rausch die Gräben!
wenn sie wollen, vorher doppelte Rumration
Hinweis auf der Feldpolizei.
Gefangene — —, Sie verstehen! Auf keinen Fall schriftlichen
Befehl darüber!
Das Materialwert der Angrenzerländer
ist Reichsmark 10 000 für den Morgen,
in der Avenue de l’Opéra und den Docks von Bizerta
wesentlich höher,
demnach Bomber nie zum Luftkampf
alle Last auf Produktionszentren!
— Jemand noch eine Frage? Kriegserklärung?
meine Herren, auf der Reede von Tschemulpo
versenkten 1904 acht dreckige Japszerstörer
die halbe rußische Kriegsflotte
mitten im heitersten Frieden
frühmorgens, als die Brötchen ausgetragen wurden,
machten sie leider kehrt, statt zu vollenden:
das wird nie wieder vorkommen!
Einbrechen! Los über das eingesiedelte Ungeziefer!
Steilfeuer! Sauerstoff an die Tresors!
Kostenanschlag — möchte ich sagen,
und dann bedienen wir die Maschinen!
Meine Herren — Sieg! Pylone, wenn sie heimkehren
und ein ewiges Feuer den Toten!
Halsorden! Beinamen wie “Löwe von —”,
Nachrufe mit Stabreimen wie “in Frieden und Front —”
Kranzschleifen bei Todesfall — —, Lorbeer —, Mythen —!
Ich danke Ihnen, meine Herren! Für die Jüngeren:
beim letzten großen Aufmarsch war ich Zugführer!
Hier spricht ein Herz!
Vernichtung!
Und wer mich sucht,
im Gegensatz zum Weltkrieg
bei Kampfwagenangriff
im vordersten Tank! —

Dann gliederten sich die Laute

Dann gliederten sich die Laute,
erst war nur Chaos und Schrei,
fremde Sprachen, uralte
vergangene Stimmen dabei.
Die eine sagte: gelitten,
die zweite sagte: geweint;
die dritte: keine Bitten
nützen, der Gott verneint.
eine gellende: in Räuschen
aus Kraut, aus Säften, aus Wein —:
vergessen, vergessen, täuschen
dich selbst und jeden, der dein.
eine andere: keine Zeichen,
keine Weisung und kein Sinn —,
im Wechsel Blüten und Leichen
und Geier drüber hin.
eine andere: Müdigkeiten,
eine Schwäche ohne Maß —
und nur laute Hunde, die streiten,
erhalten Knochen und Fraß.
Doch dann in zögernder Wende
und die Stimmen hielten sich an —,
sprach eine: ich sehe am Ende
einen großen schweigenden Mann.
Der weiß, daß keinen Bitten
jemals ein Gott erscheint,
er hat es ausgelitten,
er weiß, der Gott verneint.
Er sieht den Menschen vergehen
im Raub- und Raßenraum,
er läßt die Welt geschehen
und bildet seinen Traum.



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